Schreibkraft
Heiner Frost

Februar 20, 2018
von Heiner Frost
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Ein Tod ohne Sinn

Fast unmöglich

Eigentlich kann kein Text der Welt leisten, was zu leisten ist. Erklärung müsste her: Für das Elend auf der einen und die maßlose Vermessenheit auf der anderen Seite. Trost müsste gespendet, Strafe erklärt werden. All das ist fast unmöglich.
Die Verhandlung um 10 Uhr. Eine Stunde zuvor sind fast alle Plätze vergeben. 35 bietet der Saal A1 des Amtsgerichts Kleve. Viel zu wenig. Schon im Vorfeld ist berichtet worden. Jetzt soll der Prozess Fakten schaffen.

Zentralstern und Satellit

Ein junger Mensch ist zu Tode gekommen. Alles ist sinnlos. Ein Verkehrsunfall war der Grund. Der Fahrer – fahruntüchtig durch einen Mix aus Alkohol (0,42 Promille), Canabis und Amphetaminen. Das Auto: Es hätte nicht mehr in den Verkehr gedurft. Reifen ohne Profil – das Schloss am Sicherheitsgurt auf der Beifahrerseite – wo das Mädchen saß – defekt. Der Defekt: Nicht durch den Unfall eingetreten. Das steht fest. Fest steht auch: Wenn ein Tod ohne Sinn ist, dann ist es dieser hier. Der Angeklagte ist – man schreibt es ungern: Anscheinend unbelehrbar. Er scheint das Maß all seiner Dinge. Zentralstern und Satellit in einem. Schon vorher einmal hat er einen Unfall verursacht. Mit überhöhter Geschwindigkeit ist er auf vereister Fahrbahn mit einem Anhänger gefahren, für den er keine Fahrerlaubnis besaß. „Es lag an der vereisten Fahrbahn“, hört man den Angeklagten sagen und die Luft bleibt einem weg. Was müssen die Eltern des toten Mädchens denken, bei denen sich der Angeklagte bis zum Prozess nie entschuldigte?
Natürlich gibt es ein Gutachten. Das Auto: Zu schnell. 50 Stundenkilometer über dem Limit. Minimal berechnete Geschwindigkeit: 130 Stundenkilometer. Aufprallgeschwindigkeit am Baum: Zwischen 93 und 99 Stundenkilometer. Aber: All diese Fakten erstarren zu Details einer Beweisaufnhame, die für das Gericht (gottseidank) erheblich, für die Zurückbleibenden aber nicht hilfreich sein kann. Nichts, nichts, nichts bringt den geliebten Menschen zurück, und irgendwie macht jede Einlassung des Angeklagten die Sache nur verheerender. Nicht nur der Unfallort wird zum Schlachtfeld.

Bilder im Kopf

Zeugen sagen aus: Auch sie sprachlos. Es finden sich keine Worte, die beschreiben können, was passiert ist. Es finden sich Bilder in den Köpfen der Beteiligten – Bilder, von denen man als Beobachter nur froh sein kann, sie nicht sehen und ertragen zu müssen. Fahrlässige Tötung – darin mündet das Lebensende eines jungen Mädchens. Ein Terminus. Ein Paragraph. Keine Hilfe. Schon gar keine Rettung. Der Angeklagte verspielt alles. Er kann sich an nichts erinnern. Er will es nicht? Alles verschwimmt. Er weiß nicht, wann er die Drogen genommen hat. Die Sicherheit des Wagens  hat er nicht kontrolliert. Die Reifen: 16 Jahre alt. In einem findet der Sachverständige bei der Untersuchung einen Nagel, fünf Zentimeter lang. Der Reifen war mit einem Notfallkit geflickt. „Danach sollte man nicht über 80 Stundenkilometer schnell fahren und am besten sofort zur nächsten Werkstatt.“ All das scheint nicht geschehen zu sein.

Es gibt nichts zu heilen

Es gibt nichts zu heilen. Es gibt Anträge am Ende einer Beweisaufnahme. Kaum etwas spricht für den Angeklagten. Drei Jahre und zwei Monate fordert die Staatsanwältin. Fünf Jahre fordert der Nebenklagevertreter. Es ist das Höchstmaß. Er fordert auch ein lebenslanges Fahrverbot für den Angeklagten. Die Verteidigung fordert eine milde Strafe und die Aufhebung des Haftbefehls.
Das Urteil – fast ist man verwundert: Drei Jahre, drei Monate. Fünf Jahre Fahrverbot. Der Richter spricht davon, dass schon einige Fälle von fahrlässiger Tötung vor dieser Kammer verhandelt wurden. Den aktuellen Fall nennt er „herausragend“. Die Strafe ist es nicht. „Das Auto war eine Zeitbombe, und Sie saßen am Steuer“, sagt der Richter und blickt den Angeklagten an. „Das Opfer ist“, fährt er fort, „nicht durch einen Unfall getötet worden sondern durch Sie.“
Ihrem Mandant sei der Tod seiner Freundin nahe gegangen. Das Problem: Er könne das nicht wirklich zum Ausdruck bringen. So die Verteidigerin. Dabei hat der Angeklagte in einem Whatsapp-Chat geschrieben: „Für sowas gehe ich nicht in den Knast.“ Sowas – das ist dieser sinnlose Unfall, bei dem ein Mensch sein Leben lassen musste. Irgendwie verschlägt es einem die Sprache. Alles hier ist eine große Wunde die, so darf man vermuten, lange nicht heilen wird.
Auf dem Heimweg vom Gericht die eigene Tochter anrufen – irgendwie ganz normal klingen. „Wie geht`s?“ „Gut.“ Das ist das Glück. Die Tochter und das Opfer: Auf der Grundschule in derselben Klasse. „Wie war der Prozess, Papa?“ „Besser, du fragst nicht.“

Januar 11, 2018
von Heiner Frost
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Das Mädchen von gegenüber

Sie war das Mädchen von gegenüber. Die Cousine wohnte auf der anderen Straßenseite. Der Knast ist ihr also nicht fremd. Außenansichten von damals …
Im Kopf entstehen Bilder vom kleinen Mädchen, das (vielleicht) mit dem Roller die graue Knastmauer entlangfährt. „Hinter dieser Mauer sitzen alle die …“ – wer weiß schon, wie‘s damals erklärt wurde. Jetzt kehrt sie zurück. Aus dem Roller ist eine schwarze Limousine geworden – aus dem Mädchen von Gegenüber die Bundes-Ministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit. Aber da ist auch der Hut der SPD-Bundestagsabgeordneten aus dem Kreis Kleve. Die Limousine kommt durch den Lieferanteneingang – die große Fahrzeugschleuse der Justizvollzugsanstalt Kleve. Innen, auf dem Hof, das Empfangskomitee rund um den Anstaltsleiter Udo Gansweidt. Die Hendricks hat einen eng gesteckten Zeitplan. Die Anstalt hat dem Rechnung getragen: Begrüßung, Besichtigung einiger Stationen in der Anstalt (mit Pressebegleitung) – anschließend: Gespräch mit den Bediensteten in der Kantine. Abfahrt.
Die „Reisegruppe Knast“ setzt sich nach einer kurzen Begrüßung in Marsch. Fingerzeige in alle Richtungen. „Und hier sehen Sie …“
Das Mädchen von gegenüber ist vorbereitet. Sie weiß etwas von der Multinationalität im Klever Knast. Sie weiß, dass es an BeTeEmm liegt: An den Betäubungsmitteln also. Es geht um Vollstreckungszuständigkeiten – das Eingemachte des Vollzugs. Für wen und was ist Kleve zuständig? All das auf dem Weg zur ersten Station: Besichtigung des Integrationskurses. Einer der Gefangenen stellt sich vor. Er ist aus Pakistan. Ein bisschen wird gezeigt, wie‘s läuft im Integrationskurs. Hinter der Hendricks auf der guten alten Schultafel: Politikerfotos. Würde sie sich jetzt umdrehen, sähe sie dem Kollegen Gabriel ins Auge. Später interessiert sich Barbara Hendricks für Einzelheiten zum Kurs. Sie stellt die Fragen. Berlin ist kein Thema. Gut so. Da hält sich eine an Absprachen.
Die Hendricks lernt, dass die Kurse begehrt sind. Die Jungs wollen was lernen, erklärt einer der Vollzugsbeamten. Würde man die Jungs fragen, könnten sie antworten, dass alles besser ist als 23 Stunden „auf Hütte“ zu hocken. Sie könnten auch erzählen, dass der I-Kurs als Arbeit gewertet wird und es also ein Entgelt für die Teilnahme gibt. Eigentlich eine super Idee: Die zu Integrierenden nicht mit einem Nein zu begrüßen und zu sagen,was alles unmöglich ist, sondern damit, dass einer sagt: „Wir hätten einen Job für euch.“ Der Job ist: Deutsch lernen. Das könnte die Wirklichkeit sich ruhig mal abkupfern.
Nächste Station: Eine Lehrküche – Relikt aus der Zeit, als Kleve noch eine Jungtäterabteilung hatte. Jetzt kochen ein paar Gefangene zusammen mit dem Küchenchef Spaghetti Bolognese. Es riecht gut. Nebenan: Produkte aus der Holzwerkstatt. Was hier zu sehen ist, gehört wohl in den Bereich „Dekorationskunst“. Alles deutet schon auf Ostern hin.
Dann: Hinauf in die Anstaltskapelle. Fragen und Erklärungen. Jeder Knast hat seine eigene Problematik – sie richtet sich nicht zuletzt nach den vollzuglichen Zuständigkeiten.
Kleve – so würde man im Schnelldurchlauf erklären – beherbergt Untersuchungshäftlinge und vollzieht Haftstrafen bis zu 24 Monaten. „Es kann aber auch sein, dass jemand nur drei Tage bei uns ist“, erklärt einer der Beamten. Das kann dann passieren, wenn jemand eine Geldstrafe nicht bezahlen kann und stattdessen in Haft geht.
„Sobald dann Freunde oder Verwandte das Geld überweisen, ist der Gefangene unverzüglich auf freien Fuß zu setzen.“ Erklärt der Beamte und sagt, das könne auch abends um 21 Uhr der Fall sein.
Rund 240 Gefangene sitzen in Kleve und aufgrund der hohen Rotationsgeschwindigkeit ist im Durchschnitt davon auszugehen, dass die komplette Insassenschaft in einem Kalenderjahr drei bis vier Mal wechselt. (Durchschnittswerte – wohlgemerkt.)
Dann der Gang in die Schlosserei. Jaja – in Kleve werden Gitter produziert. Kaum zu glauben, aber wahr. Schließlich noch ein Blick in die Besuchsabteilung. Rund 8.000 Besucher melden sich alljährlich an, um Zeit mit ihrem Freund/Vater/Bruder/Mann zu verbringen. Es gibt verschiedene Stufen der Besuchsüberwachung. In brisanten Fällen sind Besucher und Gefangener durch eine Scheibe getrennt. Sehenswert: Der Raum für die Besuche kleinerer Kinder.
Die Hendricks hört zu, stellt hier und da eine Frage. Der erste Teil des Besuches nähert sich dem Ende. Noch ein paar Bilder für die Presse – dann der Gang zur Kantine. Das Mädchen von gegenüber wird mit den Bediensteten sprechen – sich anhören, wo der Schuh drückt und vielleicht das eine oder andere mitnehmen und weitergeben.
Gefangene haben auf der Tour nicht stattgefunden: Die Gänge leergefegt. Die besichtigte Zelle: Unbewohnt. Immerhin: Sichtkontakte beim Integrationskurs, in der Lehrküche, in der Schlosserei. Geredet haben sie nicht. Nicht mehr als das, was man Smalltalk nennen würde. Trotzdem: Eine Knasttour, die Einblicke vermittelt und Basiswissen über die Probleme des Vollzugs. Die Anstalt hat ihre Chance genutzt – sich vorgestellt und eingetragen in die innere Landkarte einer wichtigen Politikerin, die früher einmal das Mädchen war, dessen Cousine gegenüber wohnte.

November 30, 2017
von Heiner Frost
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Krümelmonster

Es sei gleich gesagt: Der folgende Bericht könnte Spuren von Satire enthalten. Vor dem Klever Landgericht wird vieles verhandelt – immer wieder natürlich auch Kapitalverbrechen. Im folgenden Fall wird zu klären sein, ob es sich um einen Auftragsmord oder Notwehr gehandelt hat …

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November 29, 2017
von Heiner Frost
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schön – schrill – schräg

  1. / Man sollte hingehen und sich ansehen, was der Emmericher Kunstverein Haus im Park für die Jahresausstellung 2017 zusammengetragen hat.

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November 25, 2017
von Heiner Frost
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Die Besichtigung des Möglichen

Foto: Rüdiger Dehnen

Köster? Klar. Hat man schon gesehen. Ziemlich virtuos, was der so malt. Einer, der‘s drauf hat, denkt man. Jetzt ist er wieder mal in der Galerie Ebbers zu sehen. „Femmes argentées déjeunant“.

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November 19, 2017
von Heiner Frost
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Der Duft der falschen Rosen

Am Ende ist Sjef ziemlich fertig: Gut fertig irgendwie. Er schwitzt. Das liegt nicht an der Theatertemperatur. Dann müsste ich auch schwitzen. „Komm vorbei. Schau‘s dir an“, hatte Sjef gesagt. Also: Auf zur Sonderfahrt. Theater für einen Gast …

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November 19, 2017
von Heiner Frost
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Herzangelegenheit

Auf dem Tisch im Wohnzimmer: Die Karten. Vielleicht 30 Stück sind es. Sie haben die Größe einer Bankkarte. „Es muss weitergehen!“, steht drauf – das „es“ in einem roten Herz, dem zwei Füße gewachsen sind …

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November 13, 2017
von Heiner Frost
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Stahl – Druck – Kunst: Thomas Kühnapfel

Foto: Christoph Buckstegen

Wer kann schon sagen, wo der Erfolg beginnt? Das hängt nicht zuletzt davon ab, wen man fragt. Wenn einer als Bildhauer eingeladen wird, im Skulpturenpark Wuppertal auszustellen, ist das schon ein bisschen so, als würde ein Schauspieler ans Burgtheater eingeladen.
Trotzdem zählt am Ende nicht die Einladung: Das ist eine Ehre – sicher. Aber in der Kunst hängt vieles davon ab, im richtigen Augenblick am richtigen Ort von den richtigen Menschen wahrgenommen zu werden. Das zumindest ist eine Lesart des Erfolges.

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November 3, 2017
von Heiner Frost
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… wenn man hinunterschaut

Foto: Karl Forster

Es dauert mehr als einen Augenblick, sich den Schrecken aus der Seele zu kratzen. Auf der Bühne ist das Tutti der Akteure – Rücken zum Publikum – zum Standbild erstarrt und befiehlt Innehalten. (Jetzt bitte nicht mehr atmen.) Erst nach 20 Sekunden – 30 vielleicht – traut sich das Publikum aus der Deckung: Applaus. Man klatscht mit, obwohl doch die Hände fast aufeinandergeforen waren. Die Kälte: Kaum erträglich. Die heile Welt: Außer Sichtweite. Irgendwie abhanden gekommen. Geschreddert.

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